KOSTPROBE
Fördert den Nachwuchs!
Eines der aberwitzigen Abenteuer als kleine Degustation


Wenn man sehr, sehr leise war und ganz genau hinhörte, konnte man das zarte Knistern vernehmen, das die aufsteigenden Perlenketten von sich gaben, sobald sie im Glas die Oberfläche berührten. Eine Sinfonie aus Tausenden feinster Champagnerbläschen. Für Weinliebhaber die vielleicht schönste Musik der Welt. Und doch: an diesem Abend nur Ouvertüre für einen noch größeren, noch feineren Kunstgenuss, dem Anne und ich später beiwohnen sollten.

Anne ist meine Schwippschwägerin. Die Tante von Leo, ihrem Neffen, der auch mein Neffe ist, da ich sein Onkel bin. Ein aufgewecktes Bürschchen von gut und gern acht Jahren. Und allein das sollte für Onkel und Tante Grund genug sein, auf ihn anzustoßen mit dem besten Champagner, den man auftreiben kann.

"Auf Leo", prostete ich Anne also zu.

"Auf den Musikschulabend", prostete Anne zurück. Denn das war der eigentliche Grund unserer heutigen Zusammenkunft, was womöglich auch den Argwohn erklären mochte, der in Annes Stimme mitschwang. Schließlich standen wir noch ganz unter dem überwältigenden Eindruck der letztjährigen Darbietungen von Leo und seiner Musikschule.

So ein Goldjunge! In der Schule ein Primus, bei den Bengels auf dem Bolzplatz beliebt, und dann hatte er irgendwann auch noch sein Herz für die Violine entdeckt. Eine Neigung, die seine Eltern nach Kräften förderten, selbst wenn man immer wieder lesen konnte, dass die Geige an sich ein wunderbares Instrument ist, der Geigennovize als solcher seinem Umfeld aber in den ersten vier bis fünf Übungsjahren mehr Hörschaden zufügt als Jahrzehnte neben einer Airbus-Startbahn wohnen. Nicht umsonst waren Geheimdienste aller Länder bereit die übelsten Methoden anzuwenden, um Aussagen aus Menschen herauszufoltern, hatten sich aber weltweit verpflichtet, auf den Einsatz von Leos Übungsetüden aus humanitären Gründen zu verzichten.

"Und wenn wir einfach nicht hingehen heute Abend?", warf Anne nachdenklich in den Raum.

Berechtigte Frage. Schließlich potenzierte so ein Musikschulabend das Ganze ja noch, denn Dutzende weiterer Nachwuchsmusikanten würden ihre Lernerfolge ebenfalls zum Besten geben.

"Kommt gar nicht in Frage", entgegnete ich. "Was haben wir besprochen? Es wird viel zu wenig getan für den Nachwuchs. Da haben gerade wir, als Onkel und Tante, eine besondere Verantwortung. Die können wir nicht einfach beiseite schieben, wie uns gerade zumute ist."

Außerdem hatten Leos Eltern mir fest versprochen, wenn Anne und ich zum Musikschulabend kämen, wären wir an Weihnachten vom Geigenkonzert daheim unterm Tannenbaum befreit.

"Ich weiß ja", nickte Anne besorgt. Noch zeigte der Champagner keinerlei befreiende Wirkung bei ihr.

Ich nahm die Flasche und schenkte nach. "Also, stoßen wir an auf Leo, dieses musikalische Wunderkind, auf den heutigen Abend und nicht zu vergessen: auf unsere ganz persönliche musikalische Jugendkulturförderung."

Letztere befand sich sorgsam verstaut in meinem prall gefüllten Rucksack. Ich hatte lange daran gefeilt. Denn Anne und ich waren uns nach dem letztjährigen Abend einig gewesen: Musikalische Jugendkulturförderung, das konnte man gar nicht ernst genug nehmen. Das forderte ein beherztes Rangehen. Ganz neue Wege. Einen mutigen Schritt in die richtige Richtung. Und Anne und ich waren bereit, diesen Schritt zu tun.

Ich leerte den Inhalt der Flasche in unsere Gläser und prostete Anne abermals zu. Als wir unser Taxi bestiegen, wirkte sie schon sichtlich entspannter und giggelte fröhlich: "Musikalische Jugendkulturförderung, das ist gut, das ist gut ..."

Schon der Ort des Geschehens, eine schlichte Aula, die uns noch im vergangenen Jahr kühl und gesichtslos erschien, wirkte heute bei unserem Eintreffen warm und einladend im Schein champagnerfarbener Lichter.

Kaum hatten Anne und ich unsere Plätze eingenommen, mitten in der sich langsam füllenden Konzertarena, da öffnete ich meinen Rucksack, um unsere Mission in Angriff zu nehmen. Und wie könnte man hoffnungsfrohe, aufstrebende Künstler besser fördern, als sie mit anderen großen, inspirierenden Kunstwerken zusammenzubringen? Schubert, Händel, Haydn, stimmungsvoll interpretiert von Leo und Kollegen: Ich hatte wochenlang an der passenden Begleitung getüftelt.

Meine Wahl war auf einen Grauburgunder gefallen, vom Weingut Keller. Anklänge an reife Äpfel, Brioche, Melonen und die für Grauburgunder typische nussige Note: ein kleines Meisterwerk deutscher Winzerkunst, von dem ich überzeugt war, dass es den Nachwuchsmusikern einen großen Auftritt bereiten würde.

Ich lüpfte die Flasche aus dem Kühlfach meines Rucksacks, zauberte zwei Weingläser hervor und fingerte einen Korkenzieher aus der Seitentasche. Sekunden später waren Anne und ich gewappnet, die Gläser gefüllt. Der Abend konnte beginnen. Wir waren bereit. Unser Förderkonzept stand.

Mag sein, dass unser Tun um uns herum argwöhnisch beäugt wurde. Aber das focht uns nicht an. Kulturförderung ist eben nichts für jeden Kreti und Pleti. Und wer bereit ist mutige Wege zu gehen, muss das Kopfschütteln seiner Mitmenschen einkalkulieren.

Noch füllte sich der Saal. Und ich derweil noch mal schnell unsere Gläser. Beinah hätten wir die zweite Flasche aufziehen müssen, noch ehe der erste Ton erklungen war. Doch dann wurde das Licht gedimmt und die Musikschulleiterin eröffnete den Abend mit salbungsvollen Worten. Anne applaudierte vielleicht fast schon ein wenig zu ausgelassen. Aber noch schaute sich niemand zu uns um. Ich schenkte nach.

Ja, wer es ernst nimmt, darf musikalische Jugendkulturförderung nicht als punktuelle Einzelmaßnahme betreiben. Ein Mal und nie wieder? Da verpufft die Wirkung doch. Auf Kontinuität kommt es an. Auf konstanten Fluss der Fördermittel. Und mein Rucksack war bestens bestückt.

Das zeitigte Erfolge. Schon die ersten Künstler, die den Abend mit einem Blockflötenquartett eröffneten, konnten einen schier unglaublichen Qualitätssprung gegenüber dem Vorjahr bieten. Mochte sich der Saal auch krümmen, als würde er Höllenqualen durchstehen, Anne und ich nickten uns anerkennend zu: Das war große Konzertkunst, die uns hier geboten wurde. Der ein oder andere Ton hakte vielleicht noch etwas, das ein oder andere Zusammenspiel wirkte noch ein wenig unbeholfen, aber im Großen und Ganzen war da nichts, was man nicht durch ein bisschen musikalische Joghurtkulturenbeförderung aus der Welt schaffen konnte. Ich schenkte nach.

Anne klatschte frenetisch, als die Künstler die Bühne verließen. Und auch ich gab meinem Wohlwollen für die jungen Musiker deutlich Ausdruck. Ja, es mag sogar sein, dass mir ein lautstarkes "Yippie-yippie-yeah!" entfahren ist, woraufhin man sich in der Reihe vor uns umdrehte und "Pscht!" machte. Ignoranten! Statt den Künstlern zu geben, wonach sie lechzten, den Zuspruch des Publikums, hockten diese Spießer steif auf ihren Stühlen. Keine Ahnung von musikalisch-musikalischer Tugendkulturverordnung, diese Leute!

Ich köpfte einen Spätburgunder. Ahrtal. Meyer-Näkel. Intensive Frucht. Zart, elegant, finessenreich. Anne kicherte, als ich versehentlich auf den Boden pladderte. Warum hielt sie ihr Glas auch nicht ruhig!

Der Spätburgunder erwies sich als brillanter Begleiter großer Musikkunst. Sehr gut gewählt. Passte mit seiner filigranen Struktur perfekt sowohl zu Gitarrenmusik wie auch Klaviersonaten und sogar Klarinettenklängen. Unser Förderkonzept ging auf. Fantastisch, was die jungen Musiker auf die Bühne brachten. Gar nicht zu vergleichen mit dem Vorjahr! Mir als bekennendem Förderer traten die Tränen in die Augen vor Glück, dass unsere fiskalisch-musikalische Ludenapparaturbeförderung bei jedem der Nachwuchstalente auf so fruchtbaren Boden fiel. Und doch steuerte der ganze Abend nur auf seinen eigentlichen, wahren Höhepunkt hin: den Moment, wenn Wunderkind Leo mit seiner Violine die Bühne betreten würde.

Als es so weit war, hielt Anne und mich nichts mehr auf unseren Stühlen. Wir trampelten, wir klatschten, wir johlten und skandierten rhythmisch: "Le-o! Le-o!" Eigentlich schade, dass mir erst jetzt der Gedanke an eine druckluftbetriebene Fan-Tröte kam. Man hätte den Jungen da vorne noch besser befeuern können.

Leo wirkte irritiert, Onkel und Tante frenetisch feiernd in der ansonsten stummen Menge zu erkennen. Ja, es passiert einfach viel zu selten, dass junge Künstler die Unterstützung bekommen, die ihr Talent verdient.

Ich knuffte Anne fröhlich in die Seite und wies nach vorne rechts, wo uns Leos Eltern gerade mit deutlichen Handzeichen zu verstehen gaben, dass wir den Jungen ausreichend angefeuert hätten und uns bitte wieder hinsetzen sollten. Spaßbremsen! Aber na gut.

Ich nutzte die Gelegenheit, uns einen reichlichen Schuss jugoslawische Studentenfuttermusikerörterung nachzuschenken. Auf der Bühne konzentrierte sich Leo derweil, setzte die Violine an, hob den Bogen und – begann zu spielen wie ein junger Gott.

Hatte ich jemals im Leben etwas Schöneres vernommen, etwas Vollkommeneres gehört? Die Töne schmiegten sich sanft aneinander, schwangen sich auf zu großen melodischen Bögen. Kein Krächzen, kein Knirschen. Kein Knarzen, kein Kratzen. Statt dessen reine Harmonie. Ein Gott an der Geige. Hilary Hahn? Gidon Kremer? Konnten einpacken. Anne und ich waren ergriffen von der Größe dieses Moments.

Ich kramte ein Feuerzeug aus dem Rucksack, das ich für alle Fälle immer bei mir habe, entzündete die Flamme und schwenkte sie mit erhobenem Arm hin und her. Einer musste ja den Anfang machen. Ich blickte mich um, forderte die Umsitzenden auf, es mir gleich zu tun. Aber niemand schloss sich an. Kein Feuerzeug, kein Lichtermeer. Statt dessen schaute ich in Gesichter, die eher wirkten, als befände sich das Auditorium gerade beim Zahnarzt. Ein Saal in kollektiver Wurzelbehandlung? Was für Kunstbanausen waren das hier eigentlich? Ich füllte Annes Glas. Kann ja sein, dass dabei etwas Spätburgunder auf der Bluse der Dame vor mir landete. Aber war das ein Grund, so rumzukeifen und Leos Vortrag zu stören? "Was verstehen denn Sie schon von musikalischer Blutwurststrukturenbeförderung, Sie!", blaffte ich zurück. Der Saal begann höflich zu applaudieren. Man schloss sich meiner Meinung also offensichtlich an.

Erst dann bemerkte ich, dass Leo seinen Auftritt zu Ende gebracht hatte. Jedenfalls verliess er soeben die Bühne. Der Gott an der Geige ging und da war nicht mehr drin als dies bisschen höflicher Applaus?

Anne und ich drehten auf. Wir klatschten, wir trampelten, wir johlten aus voller Kehle. Standing Ovations. Mein Glas ging wahrscheinlich zu Bruch, als wir versuchten die Menschen um uns herum zu einer La-Ola-Welle zu animieren. Stocksteife Stiesel! Da ging gar nichts.

Die nächsten Künstler standen schon spielbereit auf der Bühne, da skandierten Anne und ich immer noch "Da capo! Da capo!" und "Le-o! Le-o!"

Das war der Moment, als Leos Mutter sich durch die Sitzreihen zu uns vorkämpfte. Wenn ich sie richtig verstanden habe, bedankte sie sich herzlich dafür, dass Anne und ich zum Musikschulabend gekommen waren, griff sich meinen Rucksack und forderte uns auf, ihr zu folgen.

Im Foyer der Aula überschütteten wir Leos Mutter mit Komplimenten und schwärmten von der Maßstäbe setzenden Virtuosität des Geigengenies, was sie eher mit Stirnrunzeln als Stolz aufzunehmen schien. Jedenfalls machte sie uns deutlich, dass die nachfolgenden Aufführungen sicher nicht mehr an Leos Format heranreichen würden, und dass man große Konzertabende rechtzeitig beschließen sollte. Da hatte sie natürlich irgendwie recht.

"Andererseits", wagte ich den Versuch, "ich hab noch Reserven im Rucksack. Wir könnten ein Gläschen trinken, und wenn wir dann Zugabe fordern, alle zusammen ..." Ich erinnere mich, dass Leos Mutter plötzlich einen sehr strengen Blick aufsetzte.

Berauscht von der Musik gingen Anne und ich heim.

Vom Violinkonzert unterm Tannenbaum waren wir befreit. Vom nächsten Musikschulabend wohl auch. Eigentlich schade, oder?

© Edgar Wilkening, Hamburg, 2012. Alle Rechte vorbehalten.


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